Die Philosophie des Renaissance Tarot

  Frei  |  Inspiriert  |  Revolutionär
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Jesus sprach:
Wenn sie euch fragen: “Woher kommt ihr?”, dann sagt zu ihnen:

“Wir kommen aus dem Licht,
daher, wo das Licht aus sich selbst heraus geboren ist”

– Thomas Evangelium Vers 50 –

RÜCKKEHR INS LICHT

Daß das Licht sich in Materie und die Materie sich wieder in Licht zurückverwandeln konnte, wußten Naturphilosophen und Alchimisten seit alter Zeit.

Dieses Emblem von Giordano Bruno aus dem 16. Jahrhundert versinnbildlicht
die in der Materie 
eingeschlossene Energie (der Schwanz im Maul der Schlange)
Die Analogie geht auf das antiken Symbol des Ouroboros zurück.


Auch im Menschen sei dieses Licht als Lebens-Feuer lebendig; mit dem Körper (Erdelement) nimmt es zeitweilig materielle Erscheinungsform an. Der Atomphysiker David Bohm nannte das Entstehen der geordneten materiellen Welt die “Entfaltung” aus einem chaotischen unsichtbaren Raum voller Möglichkeiten. Da sich alle Materie irgendwann wieder in diese Ur-Energie des Großen Weltenfeuers “zurückfaltet”, stellt sich die Frage, was mit dem Menschen geschieht, wenn er stirbt. Die philosophische Erklärung der alten Griechen wie der frühen Tarot-Meister klingt wie eine logische Konsequenz aus der Einsicht des Quantenphysikers:  Beim
 Tod und Zerfall des Körpers will die unzerstörbare feurige Grundsubstanz der Seele zu ihrer Quelle, zum ‘Großen Feuer’ des Ur-Lichtes zurückkehren. 

Damals wie heute waren nur wenige bereit, sich mit solchen Gedanken auseinanderzusetzen. Die platonische Philosophie erklärte das spirituelle Desinteresse mit dem Übermaß des Begehrens, von welchem die Seele in ihrem Erdendasein besessen sei. Daraus entstünden die Übertreibungen, die den ursprünglich aus Licht geschaffenen Menschen an die sinnliche Welt ketten. Durch den Überdruck der Wünsche wendet er sich immer neuen Attraktionen zu, erzeugt dadurch ständig unabgeschlossene Situationen und ungelöste Probleme, die ihn verfolgen und die Seele an der Rückkehr in ihre Heimat des Lichtes hindern. Ein langer Kreislauf von Wiedergeburten ist die Folge.

Verständlich, daß die Kirche mit ihrem Paradies-Versprechen der Idee der Wiedergeburt ablehnend gegenüberstand. Legte sie doch ihren Schäfchen gewissermaßen die Leiter ans Himmelstor zur Erlösung ein für alle Mal. Die Naturphilosophie dagegen kennt kein Paradies. 

Am Ende des Lebens sollte der kleine Lichtfunke der Seele wieder mit dem großen kosmischen Ur-Licht verschmelzen dürfen. Da es ein ‚schattenloses Licht‘ ist, in welchem alle Gegensätze aufgehoben sind, darf der Funke auch keine Schatten, keine ungelösten Aufgaben, kein unbefriedigtes Verlangen mehr haben.

Abseits der ‘Gemeinschaft der Gläubigen’ hat jeder Mensch die Rückkehr der Seele ins Licht durch einen lebenslangen Prozeß individueller Selbstreinigung für sich selbst vorzubereiten und vollkommen mit sich ins Reine zu kommen.

Erste und wichtigste Maßnahme bei diesem Heilungsprozess war das Aufspüren und Überwinden der Widersprüche zwischen Wollen und Können, Verlangen und Fürchten im Alltag. Die Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit der Mitmenschen als Spiegel der eigenen Person zu sehen, ist nicht einfach. Auch hier provozieren Christus-Worte wie das vom “Splitter im Auge des Anderen” im Vergleich zum “Balken im eigenen” oder das Gleichnis vom Weinberg, wo der Besitzer die Faulen und Fleißigen alle gleich behandelt – wie es eben auch die Natur für all ihre Wesen tut.

Das Symbol für die innere Arbeit war das symmetrische Kreuzzeichen, das in unzähligen Abbildungen den Heiligenschein von Christus ziert.

Hier ein Beispiel aus einem Manuskript über Heilpflanzen, wo in einer nachträglich gezeichneten Randbemerkung (rechts unten)  das gleichseitige Kreuz seitlich herein gehalten wird:

 

Ins Tarotspiel ist das gleichseitige Kreuz schon in einer der allerersten Versionen aus dem 15. Jahrhundert eingeflossen. Im goldgemalten Hintergrund der ‘Päpstin’ konnten Eingeweihte das Symbol am linken oberen Rand ausmachen:

          

Visconti-Sfprza Tarot
Beinecke Library der Yale University

Der später in Frankreich entstandene Tarot der Marseille griff diese Bildsprache in der Nachbarkarte mit dem Papst wieder auf: 

   

Dem Papst wurde das symmetrische Kreuz auf beide Hände ‘tätowiert’. 

Christus steigt aus dem Grab. Das Kreuz am Stab ist symmetrisch, es stellt kein Instrument zum ‘Blut für die Sünder vergießen’ dar, wie es die Kirchenideologen im 4. und 5. Jahrhundert nachreichten, sondern illustriert die Lösung der Aufgabe, daß es Christus gelungen ist, alles Gegensätzliche zu vereinen … bis hin zur Liebe für den Feind.

Das Geheimnis: Gegensätze vereinen!

Die große Herausforderung

Decken Sie bei der mittleren Figur abwechselnd die linke und rechte Körperhälfte ab. Erkennen Sie die Aussage?
Die Tarotkarte XX zeigt die vereinigten männlichen und weiblichen Hälften der Person sich im Grab erheben.
Dies bezieht sich auf die apokalyptische Johannes-Offenbarung: Dort öffnen sich beim Klang der “siebten Posaune” die Gräber und diejenigen, „die Christus angehören“ (sagte Paulus), werden auferstehen.

Die zusammengelegten Hände der beiden Personen, die unbedarfte Beobachter für frommes Beten angesichts der bedrohlichen Prüfung halten, nahmen christlich inspirierte Anhänger der hermetischen Naturphilosophie als Hinweis darauf, daß der Ausstieg aus dem Kreislauf immer neuer Tode möglich ist, sobald all die treibenden männlichen und die ausgleichenden weiblichen Kräfte im Menschen in Balance gebracht sind.


Männliche & weibliche Seele Hand in Hand
(um 1600)

sonne-&-mond-im-wasser

Sonne und Mond in (erstaunter) Umarmung
Subtile alchimistische Darstellung der
heiklen Verbindung von Warmer & Kalter Qualität.

Mehr zu den 4 Qualitäten der Elemente »

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Der Hermaphrodit, das  aus den Eigenschaften von Hermes und Aphrodite gebildete zweigeschlechtliche Ideal-Wesen der hermetischen Erneuereungs-Bewegung erhebt die Y-Form als Symbol und Aufforderung an die Adepten. (um 1600)

Der Naturphilosoph Jakob Boehme faßt das Verbinden der Gegensätze mit einer damals gut bekannten Geste zusammen.
(um 1600)

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Die charakteristische Haltung findet sich bereits in einer Figur aus dem 12 Jahrhundert. Wir dürfen annehmen, daß sie zu einem esoterischen Wissensschatz gehörte, der sich – wie die versteckte Symbolik der Freimaurer an den Kathedralen – in gewissen Nischen gehalten hat, aber nie ‚an die große Glocke gehängt‘ wurde.

Innere Alchimie

Was man bei der alchimistischen Veredelung von Metallen gelernt hatte, hoffte man auf das eigene Wesen anzuwenden. Die Aufgabe der inneren Alchimie bestand darin, das verborgene Gold im Menschen zum Strahlen zu bringen.

Versenkung vor dem Ofen im alchimistischen Labor.
Nur durch innere Läuterung konnte das Werk gelingen.
Bild-Detail aus 
Mutes Liber, La Rochelle, 1677  

Im Laboratorium stach das säureresistente Gold unter allen Metallen als nicht-korrumpierbar hervor. Wie das Gold brauche auch die Seele Licht zum strahlen, sie spüre Sehnsucht nach dem schattenlosen Licht des Ur-Einen. Die Hoffnung vieler war gerichtet auf das spontane Erweckungserlebnis, in welchem die Vereinigung mit dem Ur-Licht schon zu Lebzeiten erfahren werden konnte.

Wie tief die Philosophie des Lichtes im Lebensgefühl der Alchimisten verwurzelt war,
zeigt das große Schild in der zeitgenössischen Abbildung eines Oratoriums. Dort steht:

SPRICH NICHT VON GOTT
WENN DU DAS LICHT NICHT HAST

Detail aus Amphitheatrum Sapientiae Eternae von Heinrich Khunrath, 1625

Giordano Bruno, einer der eminenten Vordenker der Renaissance und Meister der hermetischen Wissenschaft, beschrieb den plötzlichen Durchbruch zu innerer Erleuchtung aus eigener Erfahrung:

« … das geschieht, wenn der Betreffende (…) in seinem ganzen Wesen lichtartig wird; er selbst wird gleichsam Licht, indem dieses sein Fühlen und Denken durchdringt.»

Bruno verglich es mit einem Blitz der aus heiterem Himmel einschlägt und die Grundfeste der inneren Haltung,  das was man ein Leben lang für normal gehalten hat, zerbrechen läßt. 

 

 Blitzartige Erleuchtung – das zugleich zerstörerische und befreiende Ereignis.
Die Tarotkarte XVI  
heißt LA MAISON DIEU (Haus Gottes).
Der Turm als vermeintlich sicherer Hort des Glaubens und der Überzeugungen wird vom Blitz der Erleuchtung gesprengt.
Das Geschehen ähnelt dem Augenblick, den Zen-Buddhisten Satori nennen und die Yogis als Nirvikalpa Samadhi kennen.

 

Dreihundert Jahre vor Giordano ist vom großen Prediger des Mittelalters, Meister Eckhart, überliefert:  

« Ich habe schön öfter gesagt: Die Schale muß zerbrechen, und das, was darin ist, muß herauskommen; denn, willst du den Kern haben, so mußt du die Schale zerbrechen. Und demnach: Willst du die Natur unverhüllt finden, so müssen die Gleichnisse alle zerbrechen und je weiter man eindringt, desto näher ist man dem Sein. Wenn die Seele das Eine findet, in dem alles eins ist, da verharrt sie in diesem Einen. »  Aus Deutsche Traktate und Predigten, Predigt 24

Man kann sich dieses plötzliche Einheits-Erlebnis nicht verdienen, nicht erbitten. Es bedarf eines spontanen Aktes der Gnade für das aufblitzende Schlüsselerlebnis, in dem die Unterscheidung zwischen erkennendem Subjekt und beobachtetem Objekt  verschwindet und der Zustand der Ganzheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit eintritt.

Von der Meinung zum Absoluten Wissen

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Um die Sprache des Bildes zu verstehen, müssen wir wissen, daß das ‘Feuchte’ die Welt der Relativität ausdrückt, während das ‘Trockene’ für Absolutheit steht.
Mehr zu Absolut & Relativ finden Sie hier >>>

Der Naturphilosoph verbindet mit den Händen die gegensätzlichen Sphären von Sonne und Mond. Dabei macht er den entscheidenden Schritt vom relativen Wissen der Meinungen (aus dem Wasser) zur absoluten Welterkenntnis (aufs trockene Land).

Das kleine Kreuzsymbol im Kreis steht für die Vereinigung der Gegensätze.

Die Entdeckung der coincidentia opositorum durch Nikolaus von Kues findet fast 200 Jahre später immer noch Anwendung:

Auf diesem Kupferstich von Michael Maier, gefeierter Alchimist und Leibarzt von Kaiser Rudolf II., nutzt der Eingeweihte die hermetische Kunst des Verbindens zum Eintritt ins Reich der unverrückbaren Wahrheit.
Wasser strömt unter dem Tor aus einem trockenen Garten als Zeichen dafür, wie das Absolute die Relativität gebiert.
Noch wartet der Philosoph mit beiden Beinen im Wasser, aber das Schloß zum Tor ist nicht innen, sondern praktischerweise auf seiner Seite angebracht. Die verschränkte Haltung seiner Arme wird zum Schlüssel zum Eintritt in den trockenen Garten, in dessen Mitte der Baum des Wissens steht – derjenige, von dem
Adam in der Geschichte der  Genesis nicht gegessen hat. 

Adam beißt in den Apfel
Im Hintergrund des Paradieses stehen mit Sonne und Mond
die Warme und die kalte Qualität als Anlage für die nachfolgende Spaltung bereit.