Die Philosophie des Renaissance Tarot

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Notizen vom Entdecker 

Gegensatz und Zusammenspiel

Der Schlüssel zum Tarotsystem

Eines der überraschenden Ergebnisse bei meiner Untersuchung der Vier Elemente im Tarotspiel der Renaissance war die Entdeckung, daß in der relativ simplen Elemente-Matrix mit nur vier Bezugspunkten ein komplexes philosophisches Informationssystem komprimiert werden konnte. 

Die Techniken, welche die ‘Weltformel’ im magischen Elemente-Quadrat zum Sprechen bringen, stammen aus der antiken hermetischen Tradition. Eine Eigenheit der Hermetik besteht darin, daß unterschiedliche Welten miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Die Spannungsverhältnisse, die dabei entstehen, nennen wir komplementär. Die komplementären Bestandteile haben – so im berühmten ‘Wie oben so Unten’  –  gegensätzliche Eigenschaften, bilden dabei zugleich eine Einheit.

Das Ur-Bild hierfür ist der Baum: unten fest im Boden, oben beweglich in der Luft.

Das hermetische Denken erlaubt die Übertragung
ähnlicher Eigenschaften auf verschiedenartige Bereiche.
Hier ist der Betrachter eingeladen, darüber nachzudenken,
was der Baum mit dem Menschen gemein hat.

Komplementarität ist ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis des Tarotspiels als hermetischem System. Nicht nur sein ganzer Aufbau ist in Gegensätzen organisiert. Auch das philosophische Verständnis, das in den Karten verarbeitet wurde, beruht auf dieser mysteriösen Einheit der Gegensätze, die die Denker der Antike wie der Renaissance faszinierte und ihre Lebenseinstellung formte.

Eine wichtige Information zum Verständnis der Magie der Vier Elemente im Tarotspiel der Renaissance liegt in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes Natur, die sie für die griechischen Denker hatte.  Laut Herkunftslexikon bringt die Natur sich “ohne äußeres Zutun aus sich selbst hervor”.  Wie macht sie das?

Viele Kosmologien unserer Erde gehen von einer Spaltung zu Beginn des Weltwerdens aus: Eine für den Menschen unsichtbare, unteilbare (göttliche) Einheit gebiert etwas Teilbares, das fortan wahrgenommen werden kann. Von da ab gibt es Hell und Dunkel, Oben und Unten, Zeit und Raum, Vorher und Nachher, Freude und Leid … Das heißt: Mit dem Erscheinen von Zeit und Raum entstehen in der Natur überall komplementäre Spannungsverhältnisse, in denen sich das Leben abspielt – und mit denen der Mensch zurecht kommen muß.

 

Figur aus Kamerun: Weltschöpfer mit weiblichem und männlichem Kopf.
Am Urgrund der Welt ist die Gegensätzlichkeit bereits angelegt.

O&U ägyptisch

Die ägyptische Gottheit Schu teilt Himmel und Erde. 

Mit feiner Zeichensprache wurde das komplementäre Verhältnis zwischen Oben und Unten  zum Ausdruck gebracht.
Geb, Gott der Erde, hält im Liegen mit einem Fuß Kontakt zur Hand der Himmelsgöttin Nut, während er die eigene Hand nach ihren Füßen ausstreckt. Obwohl Schu sie getrennt hat, bewahren Himmel und Erde ihre Beziehung.

Die Aussage Wie Oben so Unten war den Hermetikern ebenso vertraut, wie sie der Kirche unbequem sein mußte.  Deren Ansicht war ja gerade, daß es im Himmel droben ganz anders sein müsse als im irdischen Jammertal – nämlich viel besser. Im religiösen Denken mußte nicht nur Oben von Unten, das Gute vom Schlechten, sondern auch alles Übrige deutlich von einander geschieden werden. So hatte es Aristoteles gelehrt. 

Huderttausende Menschen wurden in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung umerzogen oder mußten sterben, damit das römisch-katholische Weltbild mit seiner Dreifaltigkeits-Lehre, jungfräulicher Empfängnis, ewiger Verdammnis usw. rein, das heißt einheitlich und frei von Widersprüchen gehalten werden konnte. Für das von der Religion verdrängte hermetische Denken waren das Lebenselixier gewesen. 

Die wiedererstandene hermetische Naturphilosophie der Renaissance begann nun erneut, bi-polar zu denken. Die hermetischen Instrumente zur Untersuchung und Beschreibung der Welt, zu denen das magische Elemente-Quadrat zählt, mußten komplementär konstruiert sein, um die Welt in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit (wie Licht und Dunkel, Gier und Angst, Sein und Werden …) zu erfassen.

Das Zusammenspiel der Gegensätze

OBEN & UNTEN – DIE ENTDECKUNG DES JENSEITS

Im alten Griechenland war die Menschenwelt vom Reich der Götter durch einen Wolkenring um den heiligen Berg Olymp getrennt … bis die griechische Naturphilosophie ein völlig neues Konzept entwickelte.

Einer der ersten griechischen Naturphilosophen, Anaximander,  hatte ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung erkannt, daß alles in der Welt an sein Gegenteil gebunden sein muß, damit es überhaupt erfahrbar wird. So kann Dunkelheit erst im Gegensatz zum Licht wahrgenommen werden.

Wie bei der Beschreibung eines Baumes, dessen Zweige sichtbar in die Luft ragen, und organisch mit seinem unsichtbaren, weil in der Erde verborgenen Wurzelwerk verbunden sind, stellte sich Anaximander eine organische Zusammengehörigkeit nicht nur von Hell und Dunkel, aber überhaupt von Sichtbarem und Unsichtbarem vor. Und da alles auf Erden sterblich ist, müsse als ein Gegensatz dazu irgendwo auch das Unsterbliche existieren. Bis dahin galten nur die Götter als unsterblich. Jetzt bedurfte es keiner Götter mehr. Die strenge Logik der Naturphilosophie genügte, um bisher unbekannte Bereiche des Denkens zu öffnen.

Anaximander trieb seine Überlegungen immer weiter, vom Begrenztem kam er auf das Unbegrenzte, vom Endlichen aufs Unendliche, vom Zeitlichen zum Ewigen. Dabei ‚erfand‘ er eine bislang unbegreifliche Sphäre, in welcher nie etwas erschaffen wurde, und folglich nichts vergehen kann. Mit seinem Gedankenspiel entstanden erstmals Begriffe wie Unfaßbarkeit, Grenzenlosigkeit, Unendlichkeit und Ewigkeit.

Infolgedessen muß auch unserem schattenwerfenden Sonnenlicht irgendwo ein vollkommen anderes, ihm gleichwohl verwandtes Licht existieren, eine Schwingung oder Strahlung, die so grenzenlos ist, daß sie keine Schatten werfen kann, denn Schatten brauchen Begrenzung.

Solche Unterscheidung zwischen sichtbar und unsichtbar, zeitlich und ewig, geteilt und unteilbar faßten die Naturphilosophen später unter der Bezeichnung Mikro- und Makrokosmos zusammen.

Im Mikrokosmos herrscht der nicht-enden-wollende Zwist von Werden und Vergehen. Hier geschehen alle Fehler und ‚Sünden‘ (Abweichungen vom Weg der Mitte). Dagegen sind im Makrokosmos sämtliche Bedingungen des Lebens harmonisch vereint. 

Der Gipfel dieser Hypothese: Alles in unserem dreidimensionalen Raum bringt sein Gegenteil mit, weil es anderswo ein unsichtbares Reich ohne Gegensätze gibt, in dem man daher auch nichts erkennen kann, einen gleichsam raumlosen Raum ohne Anfang und Ende, mit schattenlosem Licht, ohne Widersprüche, ohne Sterblichkeit. Eine gigantisches schweigendes Potential irgendwo, nur eben nicht hier bei uns. 

Der neue Mensch

Zwei für den Fortgang der Weltgeschichte folgenreiche Ereignisse waren die Wiederentdeckung der Kugelgestalt der Erde und das von Kopernikus behauptete Kreisen der Planeten um die Sonne. 

Zwar war der Gedanken, daß die Erde nicht unbeweglich im Zentrum der Himmelskörper stand, schon der antiken Schule der Pythagoreer vertraut, doch das ganze Mittelalter hindurch blieb die klassische Meinung, untermauert von Ptolemäus und Aristoteles,  daß die Erde eine Scheibe sei und im Weltall stillstehe.

Die Diskussion und Spekulation hielt die europäische Intelligenzija mehr als hundert Jahre in Atem. Sie spiegelt den langsamen Übergang von der bildhaften Sprache zur wissenschaftlichen Formulierung.

«Die Geschöpfe, welche sich bewegen, haben Gliedmaßen und Muskeln; die Erde hat keine Gliedmaßen und Muskeln, also bewegt sie sich nicht.» So folgerte Universitätsprofessor Scipione Chiramonti 1633. Andere argumentierten, das die Erde nur kreisen könne, falls sie in ihrem Inneren einen Engel habe, der sie bewegt. Dort wohnten aber nur Teufel … Galileo Galilei, der schwören mußte, daß die Erde unbeweglich ist,  hatte bemerkt: «Die Zahl der Toren ist unermeßlich.»

Diese Trumpfkarte aus einem Mailänder Tarotspiel von etwa 1450 zeigt, wie die Sonne von einem Engel über den Himmel getragen wird. 
Visconti-Sforza Tarot, Beinecke Bibliothek der Yale Universität

Aber auch die Gründe für die Bewegung der Erde stützte sich vielfach auf kreative Spekulation. Die Anhänger des Kopernikus argumentierten gewitzt, daß der Himmel unendlich groß sei und deshalb stillstehen müsse, weil der Unendlichkeit ein Umraum zum Bewegen fehlt. Da man Bewegung nun einmal am Himmel wahrnehme, der Himmel sich aber nicht bewegen kann, müsse sich logischerweise die Erde bewegen. Außerdem sei das Erdelement korrumpierbar, und auch dieser Umstand mache die Erde im Gegensatz zur unwandelbaren feurigen Sphäre des Himmels beweglich. Kepler, der die Astronomie auf eindeutig mathematische Grundlagen stützte, kam zu dem Schluß, daß die Himmelskörper keine Seele haben können, da sie sich bewegen. Er war der erste, der den Begriff der Seele mit dem der Energie ersetzte. Das moderne Denken wurde geboren.

Die Durchbrüche in der Naturforschung und das Entstehen eines neuen Weltbildes gingen Hand in Hand. So wie die Erde nicht länger unbeweglich im Zentrum der Himmelskörper stand, änderte sich auch die Position des Menschen. Der ehemals von Gott erwählte Herrscher über alle Kreatur sollte künftig  von der Natur lernen, um Anpassung und harmonischen Kräfteausgleich zu kultivieren. Eine unerhörte Forderung in einer Zeit, als die Natur in den Augen der Kirche noch die Wiege des Bösen war.

Die Einzigartigkeit der Renaissance-Kultur mit ihren genialen Erfindern, Entdeckern, Rebellen und überragenden Künstlern wäre ohne die vehemente Zuwendung zur Natur nicht vorstellbar. Alle bedeutenden Akteure, auch ihre späteren Gegner wie Luther, waren zu irgend einem Zeitpunkt von der Naturphilosophie beeinflußt. 

Die Kunstwerke der Renaissance waren eine Feier der Natur. Goethe lobte deren „Natürlichkeit und Lebendigkeit, die uns anzieht, anregt, erfrischt und in Tätigkeit versetzt.“ Der Körper, von der Kirche ein ‚stinkender Madensack‘ gescholten, erschien als wundervolles Werk einer göttlichen Natur, deren Geheimnisse und Schönheit sich im Menschen widerspiegeln wollten. Viele Künstler waren zugleich Baumeister und Ingenieure, alle erforschten sie – erstmals seit hunderten von Jahren – die Bauprinzipien der Natur. Rembrandt malte das Sezieren eines Toten. Leonardo kaufte Vögel und ließ sie frei, um ihren Flug zu studieren. Sein Freund, der Mathematiker Alberti, weinte angesichts prächtiger Bäume und Erntefelder. Derartige Empfindsamkeit und den Wunsch, ganz mit der sprudelnden Quelle der Natur zu verschmelzen, teilte man mit den Mystikern.

Der Umschwung im Denken erwuchs aus der Rückbesinnung auf die antike Weisheit.

Als der griechische Naturphilosophen Heraklit empfahl, “nach der Natur handeln”, hatte er bereits seinen berühmten Ausspruch vom Krieg als Vater aller Dinge getan. Gemeint waren die vielen widersprüchlichen Eigenschaften der Elemente, die wie bei Feuer und Wasser in  scharfen Gegensätzen zueinander liegen. Und doch, so betonte er, müsse der ewige Streit der Elemente immer wieder „in schönste Harmonie münden“, damit die Welt entstehen und Bestand haben kann. Die innige Verwobenheit unüberwindlicher Gegensätze wie Streit & Harmonie ist damals als ein Naturgesetz formuliert worden. “Nach der Natur handeln” bedeutet, sich harmonisch in solchen Gegensätzen bewegen zu lernen.

Was können wir uns darunter vorstellen?

Schon oberflächliche Naturbeobachtung sagt uns, daß die Eigenschaften von Wasser und Feuer, aber auch die von Luft und Erde einfach nicht miteinander kompatibel sind.

Setzen wir für die Funktionen der Elemente konkrete Begriffe ein, ergeben sich Spannungsverhältnisse zwischen Ich1 und Wir3,  Vorstellen (schnell)2 und Werden (langsam)4. Dabei wird deutlich, wie tief sich die Gegensätzlichkeit der Elemente bis in unseren Alltag hinein auswirkt. Wo finden im Leben größere Auseinandersetzungen statt, als zwischen den Interessen des Einzelnen und der Gemeinschaft, zwischen Plan und Ausführung?

Wie sollen die widerstrebenden, gar in unversöhnlichem Krieg liegenden Eigenschaften der Elemente nun in Einklang und ‘schönste Harmonie’ gebracht werden? 

Q-ringen

Das ewige Ringen der elementaren Qualitäten
Dargestellt auf einem Deckengemälde im
Studiolo von Lorenzo Medici, Begründer der ersten platonischen Akademie in Florenz.
(Künstler: Vasari, um 1570)

Anders gefragt: Woher könnte die Kraft kommen und wie muß sie beschaffen sein, um in solch schier aussichtslosen Lage das notwendige Zusammenspiel herbeiführen zu können? 

Das Geheimnis liegt in der gütigen Herrschaft des Makrokosmos über den Mikrokosmos.

Der Makrokosmos ist nicht einfach ein unsichtbares Paralleluniversum. Nach naturphilosophischer Ansicht liegt dort im schattenlosen Licht die Quelle für unsere Existenz verborgen. Wie aus dem zunächst fest verschlossenen Samenkorn die Pflanze sprießt, entfaltet sich das unsichtbare Potential des Makrokosmos in die Vielfalt materieller Gestaltungen. Aus Möglichkeit wird Wirklichkeit.

Diese Miniatur aus Hildegard von Bingens Werk scivias (Wisse die Wege) zeigt mit Gold gemalt das Einströmen des kosmischen Lichtes von außerhalb des Bildes (!) in den Mikrokosmos; und in dessen Zentrum die Entstehung des irdischen Lebens.
12. Jahrhundert

Nicht nur, daß man dem Makrokosmos eine unermeßliche Kraft zuschrieb. Diese Kraft hatte für die alten Denker eine besondere Qualität. Das griechische Wort für Energie ενέργεια [eˈnerjia] steht für Leistungsfähigkeit, für Vermögen. Im Ver-mögen steckt das ‚mögen‘, die Freiwilligkeit, der gute Wille, der unsere Welt und das ganze Leben durchströmt.

Die Wirkungen dieser unsichtbaren Energie, machen, daß man nach dem Schlaf erfrischt erwacht, daß Wunden heilen, daß das Gestürzte sich wieder aufrichten kann. Sie ist es, an die unter immer anderen Namen Gebete und Bitten um Beistand gen Himmel gesandt werden; denn die wohlmeinende makrokosmische Kraft ist in den Dissonanzen des Mikrokosmos unablässig auf der Suche nach Harmonie, nach Ausgleich, nach Schönheit.

Auch die Menschen sollten sich nach Ansicht der Philosophen von Streit und Gegensätzlichkeiten lösen, damit sich das kosmische Gesetz in ihnen erfülle und sie glücklich mache.

Seit Adam und Eva ist Sex die erste und angenehmste Übung, Gegensätze zu verbinden.

Während sich die Anhänger der Religion immer heftiger um ihre angriffigen Interpretationen von ‘Gottes Willen’ zankten und bekriegten, beriefen sich Naturphilosophen auf eine logisch nachvollziehbare, von der Natur ablesbare Gesetzmäßigkeit:

Der Kosmos verwandelt Streit in Zusammenspiel – tu du es in deinem Leben einfach auch.

Hier wird die Verwandtschaft der Renaissance-Philosophen zur gewaltfreien Lehre Christi verständlich; enthält sie doch die Aufforderung, sogar die Feinde zu lieben, damit in das unendlich zerstückelte Untere die liebende Harmonie des Oberen einkehre. «Wie im Himmel, also auch auf Erden.»

Unzählige Darstellungen der ineinander geschlungenen Dreiecks-Symbole von Feuer und Wasser sprechen über die große Herausforderung, die beiden komplementären Kräfte im Leben zu vereinigen.

In der Elementlehre ist das Feuer der kosmische Energieträger und Wasser stellt die Fähigkeit zur Bindung bereit, die beispielsweise den elektrischen Strom zwischen zwei Polen fließen läßt und damit unendlich viele neue Anwendungen ermöglicht.

Selbst in die Architektur der Kirchen und Kathedralen ist dieser Schlüssel zur Vollkommenheit eingeflossen.

Feuer und Wasser sind nur in der alltäglichen Anschauung unvereinbar. Im philosophischen Sinne kommen sie nicht ohne einander aus. Das Feuer schenkt dem Wasserelement Lebendigkeit und kreative Kraft. Die mildernde Tendenzdes Wassers bewahrt das Feuer am Überborden und Zerstören. Seine verbindende Funktion hält das Feuer am Leben.

CHRISTLICHE HERMETIK

CHRISTLICHE HERMETIK

Die dem ungeschulten Denken abenteuerlich anmutende, und doch einleuchtend hergeleitete Weltanschauung vom Mikro- und Makrokosmos stellte jahrhundertelang die herausfordernde Alternative zum kirchlichen Dogma von ewiger Verdammnis und seligem Paradies dar.

Das kirchliche Weltbild ging vom Menschen als gefallenem Sünder aus, der vor einen ‚gerechten‘, das heißt urteilenden und gelegentlich strafenden Gott treten muß; die einen demütig, andere zitternd, wieder andere mit selbstgerechter Zuversicht.

Die Naturphilosophen dagegen sahen jeden menschlichen Mikrokosmos eingebettet in eine strahlende Sphäre, in welcher alles Gegensätzliche urteilslos vereint ist, wo kosmische Schöpferkraft für alle nur das Beste will und nach Möglichkeit schafft. Wo dieses Allgütige regiert, bedarf es keiner Strafen, keiner Dogmen, keiner Inquisition, keiner Verhöre, keiner Scheiterhaufen, keiner Kriege.  

Beide Richtungen glaubten an ein ‚Jenseits‘, aber dessen Charakter und Bedeutung wurden vollkommen verschieden interpretiert.

Als Alternative zum lebenslangen Aufarbeiten der persönlichen Ungereimtheiten hatte die römische Kirche seit dem 4. Jahrhundert eine außerordentlich attraktive Vision der Erlösung geschaffen: Das Abwaschen aller Sünden durch das von Jesus am Kreuz vergossene Blut. Die Gläubigen durften die mühevolle Arbeit an sich selbst ersetzen durch Anbetung des Kreuzes, an dem sich der Heiland freiwillig für sie geopfert hatte. Einladender kann Religion sich kaum präsentieren. 

Erst der ideologische Einbruch, den Kirche und Vatikan im 15. und 16. Jahrhundert erlebten, ließ das alte christliche Grundgefühl und christliche Gewohnheiten wie Nächstenliebe und Bedürfnislosigkeit, die vom pompösen Gestus der Religion überdeckt worden waren, erneut aufleben. Man erkannte in der ursprünglichen christlichen Ethik die natürliche Grundhaltung des Menschen.

Im gleichen Maße, wie Adam (hebr.: adama, das aus Lehm geborene Wesen) diese angeborene Natürlichkeit zugunsten ‚weltlicher Genüsse‘ vernachlässigt,  entfernt er sich von der Lebensfreude wie von der Sittlichkeit. 

Jetzt wollte die neue christlich-hermetische Bewegung die materielle Korruption überwinden und  das Natürliche zurückholen.

 Der Verrat des Menschen an der Natürlichkeit

Die sechste Trumpfkarte wird in der modernen Literatur gewöhnlich als Wahlmöglichkeit gedeutet. Tatsächlich wird eine entscheidende Wahl gerade in dem Augenblick vollzogen, in welchem die Seele ihr körperliches Kleid erhält. In Verarbeitung einer alten Geschichte Platons führt die Karte vor, wie Adam seinen Verrat an der Natürlichkeit begeht.

Zur Bedeutung dieser Tarotkarte VI müssen wir wissen, daß im gesamten Tarotspiel Natürlichkeit mit Nacktheit ausgedrückt wird. Wo immer auf einer Karte Nacktheit dargestellt ist, geht es um Natürlichkeit und Verbundenheit mit dem Kosmos.

Die auf der Karte dargestellte Szene beschreibt den Moment, in welchem die Seele erstmals mit ihrem Körper verschmilzt. Die unbekleideten Beine des Mannes in der Mitte ‘wurzeln’ noch in der natürlichen Unschuld des Makrokosmos, aus dem die Seele gerade im Erdenleben ankommt. Die gespreizte Stellung der Füße zeigt, daß die Seele bereits in die Gegensätzlichkeit des Mikrokosmos eingetreten ist.

Obwohl die kosmische Naturkraft, vertreten durch die junge Frau mit den Blumen des göttlichen Eros im Haar, noch versucht, ihn am Herzen zu berühren, wendet er sich der Herrscherin des Erdelementes, Aphrodite, zu und wird sich von ihr verführen lassen. (Beachte deren unverblümte Handhaltung.) Links im Ausschnitt das Gesicht der Königin der Münzen (Erde) – das einzige im ganzen Kartenspiel, das dem der Verführerin auf Karte VI aufs Haar gleicht.

Auf der sechsten Trumpfkarte der sogenannten platonischen Liebe die triviale irdische Liebe zu den materiellen Dingen gegenübergestellt. Warum sonst sollte die Seele sich in einen Körper kleiden und in die dreidimensionale Welt eintreten, wenn nicht, um beides zu genießen? In seiner Schrift ‘Symposium‘ hatte Platon jedoch auch das Übermaß des Liebens beschrieben, mit welchem sich die Seele regelmäßig vom glücklichen, sorgenfreien Leben abbringt. Sagt uns die buddhistische Lehre nicht dasselbe?

Mit diesem Bild des Verzichts auf Natürlichkeit zugunsten des Begehrens beginnt im Original-Tarot der Einstieg ins philosophische Weltbild der spirituellen Meister.
Mehr dazu bei der Besprechung der 22 Trumpfkarten des Original-Tarotspiels der Renaissance.  Anmelden ? »»»

Die Anhänger der christlichen Naturphilosophie der Renaissance entwickelten eine spirituelle Weisheitslehre, die in der Mystik des Mittelalters und ihrer Suche nach den Werten des Ur-Christentums wurzelte. Verwandt und vergleichbar mit den philosophischen Traditionen des Orients, wie dem moslemischen Sufismus oder dem Zen-Buddhismus, lehnte diese über ganz Europa verbreitete Bewegung Hierarchien und Insignien ab. Sie kannte keine heiligen Stätten, keine Kathedralen. Der Tempel Gottes mußte im Herzen des Einzelnen erbaut werden.

Ahnten sie, daß sie, kaum der Klammer der kirchlichen Doktrinen entronnen, bereits an der Schwelle zu einer neuen Verengung des Denkens durch den Rationalismus standen ?  Mit ihrem kleinen Kartenspiel warfen die Renaissance-Meister ihr gesamtes Wissen wie eine Flaschenpost in den großen Strom der Zeit. Ist es ein Zufall, daß ihre Befreiungs-Botschaft jetzt in einer sehr ähnlichen Epoche vergehender Freiheiten wieder aufgetaucht ist ?

MAGIE

MAGIE

» Wer die Eigenschaften der Elemente und ihre Mischungen kennt, der wird ohne Schwierigkeit wunderbare und erstaunliche Dinge vollbringen und ein vollendeter Meister der natürlichen Magie sein. «   Platon 400 v.Chr.       

Die prophetischen Worte Platons von der möglichen Meisterschaft in Sachen »natürlicher Magie« trafen mitten ins wiedererwachte Forschen und Streben jener Zeit. In den Hochburgen der alten Mächte lösten sie Zweifel und Besorgnis aus. 

Creative Commons Image – https://de.dreamstime.com/hans-burgkmair-kaiser-maximilian-i-lernt-alchimie-image113744796

Dieser Kupferstich von 1516 zeigt die Einführung des jugendlichen Kaisers Maximilian in die Geheimnisse der Alchimie zwischen Geisteswissenschaft und Magie.
Die Hexe als Sinnbild der Zauberei steht links neben dem Buben im Hermelingewand; auf der anderen Seite der gelehrten Mönch, vom Engel begleitet.

Welchen Weg  wird der zukünftige kaiserliche Imperator einschlagen?

Zwar verurteilte der Renaissance-Philosoph Pico della Mirandola die Hexerei – eine vertraute Zeiterscheinung – als Versklavung durch das Böse. Die magia dagegen, wie sie von Größen wie Zoroaster, Moses und Platon überliefert sei, erklärte Pico zur Vollendung der Naturphilosophie. Sie helfe in erster Linie dabei, die verborgenen Wesenszüge der Welt zu entdecken.

Zum Teil entspricht diese Auffassung von Magie dem, was wir heute von unserer Naturwissenschaft kennen, doch für die damaligen Forscher ging die Reise weit darüber hinaus: Im Entschlüsseln und Anwenden der Naturgesetze sahen sie den Ausgangspunkt für einen geistig-ethischen Entwicklungsweg. 

Vom wohl einflussreichsten aller Naturphilosophen Plotin (3. Jh) war überliefert, dass das Streben der menschlichen Seele zum göttlichen Einen durch die Magie als Mittel zur Naturerkenntnis erfüllt werde. Das war es, was Pico della Mirandola vorschwebte. Er kommentierte Plotin:

»Solche Magie durchforscht auf das Eifrigste die Magie der Welt (…) Sie schafft nicht so sehr Wunderbares, als dass sie dem Schöpfer der Natur nach Kräften dient.« 

Vielleicht war es Pico della Mirandola, der die Entwicklung des wiedergeborenen Platonismus am stärksten in Richtung des magischen Experimentes drängte, als er schrieb, auch das Wesen und die Werke von Jesus Christus seien am anschaulichsten durch die Magie erfassbar.

Der natürlichen Magie eines Jesus nachzueifern konnte sicherlich nur Gutes bewirken. Im historischen Rückblick sehen wir allerdings, dass der Individualismus und Forschungsdrang des Renaissance-Typus auch den großen Schritt von der simplen mittelalterlichen Naturausnutzung zu schonungsloser Unterwerfung der Natur in der Neuzeit vorbereitete. Die Vertreter jener Übergangs-Epoche empfanden das noch keineswegs so.


Ein Naturphilosoph der alten Schule folgt mit Brille, Stab und Lampe vorsichtig den Spuren der Natur.
Die Natur schreitet zügig voran und ist durch einen Schleier vor direkten Blicken geschützt.


Der Suchende mit Stab und Laterne auf der Trumpfkarte VIIII
aus dem klassischen Tarotspiel von 1760
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Was die Naturphilosophie besonders stark mit der Magie verband, war das Geheimnis der Harmonie. Nicht nur, weil die Vier Elemente sich trotz ihrer gegensätzlichen Funktionen – oder gerade wegen ihnen – immer aufs Neue zu harmonischem Spiel zusammenfinden müssen, um die Welt aus dem Nichts hervorzuzaubern. Harmonie barg auch den Schlüssel zur Beeinflussung des Großen durch das Kleine. Ließen sich Entwicklungen im Äußeren durch harmonischen Wandel im Inneren fördern?